Einmal rund um Europas größten Binnensee
Ich sitze am PC und lese E-Mails. Dabei sticht mir eine Einladung zum Lauf um den Plattensee ins Auge: 212 Kilometer, 32 Stunden Zeitlimit, der Ultrabalaton. Gehört und gelesen hatte ich schon davon, konnte mir aber aller Liebäugelei zum Trotz nicht so recht vorstellen, selbst einmal dabei zu sein. Ganz plötzlich überkommt mich die Experimentierlust: "Du Scha-aatz, wie wäre es, wenn wir unsere Flitterwoche in Ungarn verbringen?" Dann begeht meine Zukünftige einen Fehler, der ihr eine der längsten Nächte ihres Lebens bescheren wird: Sie sagt ja. Sekunden später bin ich zum Lauf angemeldet und der Flug und das Hotel sind gebucht.
Anreise am Montag vor dem Lauf. Sightseeing in Budapest, am Tag drauf Weiterfahrt per Langstreckenbus ins Hotel nach Zalakaros. Dort vier Tage Power-Wellnessen mit Plantschen im Pool, Sonnenbaden bei über 30°C (während in Deutschland das Schmuddelwetter regiert, höhö!), Wasserdüsenmassagen (keine Blasen, kleine Blasen, große Blasen, doller Druck, wenig Druck), Abhängen im 37°C-Thermalbad (riecht vor allem in Héviz ein bisschen kloakig-fauleierig, soll aber unter anderem wegen des enthaltenen Radons gut gegen orthopädische Beschwerden aller Art sein), Schwitzen in der 100°C-Sauna und lecker Essen vom exzellenten (inter-)nationalen Frühstücks- und Abendbuffet. Das Extrementspannen war dermaßen anstrengend, dass meine Frau und ich jede Nacht bald zehn Stunden tief und fest geschlafen haben.
Die Kur hat mir aber so gut getan, dass die 212 Kilometer lange Flitterwochenkrönung weniger schwierig war, als ich befürchtet hatte. Zwar musste ich gegen Durchfall (viva Lopedium!), heftige Müdigkeit, schwere Beine, Kopfschmerzen, Unlustgefühle, einen Wolf zwischen den Backen und brennende Fußsohlen ankämpfen, aber alles in allem waren die Probleme nie so groß, dass ich ans Aufgeben gedacht habe. Nach 30 Stunden und 55 Minuten war ich im Ziel, ziemlich kaputt — und erleichtert, dass es endlich vorbei ist.
An- und Umsicht
Die ersten 50 Kilometer waren die schönsten: rauf und runter über viele Hügel, die sich wie barocke Hüften durch die grüne Landschaft schwingen und für reichlich optische und muskuläre Abwechslung sorgen. Sogar ein paar Singletrails durch den Wald hatte die Rennleitung eingebaut. Wo nicht auf dem Weg aufgeklebte und -gesprühte orangefarbene Pfeile den Weg weisen konnten, flatterten lange weiße Plastikbänder an Bäumen und Sträuchern — Verlaufen nahezu unmöglich. Danach gings auf dem platten Fahrradweg weiter. Bedauerlicherweise war der Balaton trotz der Nähe des Wegs zum See nur selten zu sehen. Außerdem war es auf dem Fahrradweg tagsüber wegen der daneben verlaufenden Bundesstraßen nervig laut. So manchen Kilometer mussten wir sogar direkt auf der Straße zurücklegen — kein Spaß, wenn sie schmal und stark befahren ist. Zermürbend waren auch die irre langen Geraden in der Nacht, besonders dann, wenn die Müdigkeit von einem Besitz ergriffen hat. Aber egal, ich war ja nicht für einen Crosslauf durch die Wildnis angemeldet …
Super-sympathische Helfer und meine Frau, die zusammen mit den Eltern meines Trainingspartners Jan Bergmann per Auto im Froschsprungverfahren voraus fuhr, machten das Manko der Streckenführung wett und das Anlaufen der Verpflegungsstellen immer wieder aufs Neue zu einer großen Freude. Mit Jan hatte ich mich ausgiebig auf diesen Lauf vorbereitet und wir hatten uns vorgenommen, so weit wie möglich zusammenzulaufen.
Mitten in der Nacht, es mag so gegen zwei Uhr gewesen sein, tauchten in unserem Stirnlampenlichtkegel plötzlich vier Gestalten auf, allesamt junge Kerle, die aufgeregt irgendwas Ungarisches quasselten. Um was sich die hektische Rede drehte, wurde klar, als sie uns zu einem jungen, bloß mit einem Bikini bekleideten Mädchen führten, das rücklings auf dem Bürgersteig lag. Sofort keimte in mir der Verdacht auf, dass die junge Dame den ganzen Tag am heißen Strand getollt hatte, ohne genügend zu trinken. Also erstmal kucken, ob sich bei ihr kreislauf- und atmungsmäßig überhaupt noch was tut. Puls da, wenn auch nur flach, okay. Und die Atmung? Mit der Hand konnte ich keinen Luftstrom spüren, also flugs mal meine Nase an die ihre geschoben — prompt schießt ihr Oberkörper hoch. Mein Odor – oder war es mein Odem? — hat wohl wie Riechsalz gewirkt. Schnell noch ein paar Kommandobrocken an ihre Kumpels gegeben ("víz, víz, víz", viel Wasser einflößen, bitte) und weiter gehts. Etwas später habe ich mir übrigens die Zähne geputzt. Man weiß ja nie …
Müllers Unlust
Die Aufregung um die nächtliche Lebensrettungsaktion legte sich betrüblicherweise bald wieder und die Bettschwere kam durch — aber so richtig. O wie waren wir marode! Gegen 4 Uhr 30 in der Früh, die Vögel zwitscherten schon seit einer halben Stunde, legten wir uns für eine Viertelstunde hin. Der Körper in der Horizontalen, Mann, tut das gut. Zunächst. Denn schlagartig spielten die Nerven verrückt und fabrizierten einen anhaltenden flächendeckenden und tiefschürfenden Schmerz in den Stelzen. Laufen wäre jetzt angenehmer für Waden und Oberschenkel, aber der Organismus befiehlt mir weiterzudämmern. Er brauche das. Jetzt und hier. Später am Vormittag mussten wir uns noch zwei Mal für ein paar Minuten zum Dösen hinhocken, Steiß auf die Parkbank, Rübe auf den Tisch. Bis etwa Kilometer 175 haben wir so gemeinsam durchgehalten, abwechselnd laufend und marschierend. Dann ging es einvernehmlich getrennt weiter.
Zum Glück konnte ich zu zwei etwa drei Kilometer vor uns tänzelnden Läufern aufschließen. Die letzten 35, 40 Kilometer bin ich also mit Zoltán Kiss aus Ungarn und dem Franzosen Gilles Pallaruelo gelaufen, die nicht aufhörten, ihren Durst halbliterbierbüchsenweise zu stillen, halt harte Knochen in jeder Hinsicht. Wir haben viel gelacht, o la la laaa, manchmal so laut, dass die Strandpromenierer gedacht haben müssen, die Sonne habe uns allzu sehr ins Hirn gestochen.
Ablenkung tut gut
Wir schwadronierten über die Einführung des Euro in Ungarn und die damit verbundene Anpassung der Preise (natürlich nach oben), die Unterschiede zwischen unseren Sprachen, auch und vor allem in der Poesie sowie in der Anzahl der verwendeten Ös, Üs und Ypsilons, über die Lesbarkeit Shakespeare'scher Texte und Schriften eines ungarischen Dichters, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, über Korruption in der Politik, die Inneneinrichtung moderner ungarischer Wohnhäuser und vieles mehr. Und das in einem bizarren Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch, dass es einem unbeteiligten Zuhörer die Hirnwindungen verkrampft hätte: "Gleich is coming … eine montaña … the last one, petit, nicht schwer."
Mir hat der Sprachenmischmasch indes geholfen: Wenn die grauen Zellen so schnell zwischen den Sprachen umschalten müssen, haben sie keine Zeit, sich mit den Beschwerden des Laufens auseinanderzusetzen. Und so liefen und gaukelten wir, ohne dass ich merkte, wie meine Beine immer schwerer und müder wurden. Das spürte ich erst beim allerletzten, gut zwei Kilometer langen Anstieg unmittelbar vor dem Ziel, der mir die letzten Energiereserven aus den Triebwerken zu saugen drohte, während ihn meine Gefährten scheinbar mühelos erklommen. Von wegen "petit montaña", wie eine nicht enden wollende Rampe kam er mir vor.
"Enjoy the experience", rief mir Gilles von vorne zu. Ja doch, ich genieße ja schon die Erfahrung, wie der Kopf den Körper treibt. "You are very good." Danke. Schmerzen sind toll. I'm loving it. Dann endlich das kurze Gefälle direkt vor dem Ziel, Arme hochreißen, Gejubele. Nach dem Hand-in-Hand-Zieleinlauf haben wir uns umarmt und vor Freude geküsst. Wow!
Wunschkonzert
So viel zu meinen Eindrücken vom Lauf. Rückblickend werde ich auch die hervorragende Organisation in gutem Gedenken behalten. Die begleitenden Sanitäter waren ausnahmslos hilfsbereit und wussten bei Behandlungen auch mal zu improvisieren. Wer mochte, konnte sich vor und nach dem Lauf sowie zur Halbzeit vom Masseur durchwalken lassen. Die Bestückung der Verpflegungsstellen, die im Schnitt vier Kilometer voneinander entfernt lagen, war im professionell gedruckten Programmheft (auf Ungarisch und Englisch) minutiös aufgeführt. Überall gab es Wasser, Iso-Getränk, Traubenzucker, Bananen, Rosinen und Kekse, an etwa jeder dritten Bier (alkoholisch und nicht alkoholisch), in der zweiten Hälfte an den Hauptverpflegungspunkten (circa alle 20 Kilometer) heiße Suppe und Reis mit Gemüse, zum Wachwerden immer mal wieder starken frischen Kaffee nach türkischer Brühart (auf Wunsch mit Milch und/oder Zucker), Cola, gelegentlich auch Chips und salzige Erdnüsse — und natürlich süße Paprika sowie saftige Wassermelonen, Orangen und Zitronenstücke. Wenn die Schokolade sich wegen der Hitze wie eine Glasur über den Plastikteller ausbreitete, wurden die Kekse halt wie beim Fondue eingestippt. Oder die Helfer schufen aus Keks und Schmelz liebevoll kleine Konfiseriekunstwerke mit einer Rosine obenauf. So etwas erlebt man nur bei familiären Veranstaltungen.
Die Begrüßungstüte war ebenfalls nicht ohne: Für jeden der 35 Starter gab es ein knallig-orangefarbenes Funktions-T-Shirt mit dem blauen Emblem des Rennens auf der Brust, eine Flasche Rotwein aus der Region, ein großes dunkelgrünes Handtuch vom lokalen Biersponsor, zwei Energieriegel sowie eine Pulle Aloe-vera-Energiedrink, auf dass die tiefen Augenfalten nach dem Lauf schnell schwinden. Die Finisher erhielten zusätzlich eine schnieke handgefertigte Medaille aus gebranntem Ton, in die der eigene Name emailliert war, sowie eine Flasche trockenen Weißwein mit raffiniert aufgedrucktem Veranstaltungslogo. Zwei Hingucker mit Seltenheitswert.
Wenige Minuten nach dem Zieleinlauf hielt ich schon die aktuelle Ergebnisliste sowie eine Tabelle mit den Zeiten in der Hand, die ich von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt gebraucht hatte. Und das für schlappe 50 Euro Startgeld. Ebenfalls darin enthalten waren die Pasta-Party am Vorabend und das After-Race-Dinner, die beide recht üppig ausgefallen sein müssen, wenn man nach den auf der Ultrabalaton-Homepage veröffentlichten Fotos geht. Das soll mal bitteschön jemand in Deutschland nachmachen. Die Zeichen stehen auf Grüngelb, dass ich nächstes Jahr wieder dabei bin. Dann aber machen wir zwei Wochen Urlaub: eine vorher, eine nachher.
23. Juni 2007 ·
- Farbige Bilder zum Lauf habe ich in mein Webalbum eingeklebt.
- Die Ergebnisse sind auf der Statistik-Seite der DUV-Homepage zu finden.
