Start
Wo sonst des nachts am Playa de Inglés Party gemacht wird, schwirren heute hunderte von Läufern herum und bereiten sich mit allerlei Geschnatter mental auf den Höllentrip vor.
felsige Piste
Die erste Schlucht begrüßte die Läufer mit Geröllbrocken, auf denen man wie auf Straußeneiern lief.
Presa de Ayagaüres
Hinter der ersten Staumauerkrone (Presa de Ayagaüres) warten schon die Helfer mit tonnenweise Wasser und aufmunternden Worten.
Stausee
Der Chira-Stausee (Presa de Chira) spannt sich über die Talsenken wie ein türkisfarbenes Tuch.
Tankwagen
Viel Hitze macht viel Durst. Soldaten haben das Wasser gleich tanklastanhängerweise herangekarrt. (Presa de Chira)
Nach dem Waldbrand
Die Brände des vergangenen Sommers haben den eh schon dürren Wald verheert. Nur langsam weicht das kohlige Schwarz dem Grün der Jungpflanzen.
Balancieren auf dem Wasserrohr
Als ob Felsen, Geröll und Gestrüpp noch nicht genug wären, forderten Balanceakte die volle Konzentration des Läufers, zum Beispiel über meterdicke Wasserröhren.
Roque Nublo
Am höchsten Punkt der Strecke muss man einen Abstecher zum Roque Nublo machen. Auf dem vorgelagerten Felsen hockte ein grinsender Soldat, der die Startnummern der Läufer kontrollierte — und mir einen Cola-Lolli in die Hand drückte.

¡Ánimo!

Im Schleichschritt über Gran Canaria

Der Zufall wehte mir Ende Dezember den Link zu einem heftigen Trail-Lauf ins E-Mail-Fach: 115 Kilometer vom Süden bei Maspalomas mit ein paar Umwegen durch die zentrale Berglandschaft in den Norden nach Las Palmas. 4000 Höhenmeter. Super!

Aber Trans Gran Canaria? Noch nie gehört. Geklickt, geschaut, gestaunt, gemeldet. Meine Wandererfahrung auf den kanarischen Inseln ließ mich erahnen, dass die Bodenbeschaffenheit ihr Übriges zur Streckenlänge und den fetten Höhenmetern beitragen dürfte, den Lauf zu einem wahrhaft harten Abenteuertrip zu machen.

Ich wurde nicht enttäuscht. Dabei fing es so harmlos an: Beim Start am Playa de Inglés streiften sich schon viele der Starter Plastiktüten über die Schuhe. Ich nicht, und das war auch gut so, denn der Sand war nahe am Meer sehr fest; nicht ein Körnchen habe ich eingesammelt. Andere hatten weniger Glück — auch die mit den Tüten, weil das Plastik doch arg schnell zerfledderte.

Ein paar Kilometer später dann Asphalt und Pflastersteine. Die Straßen und Wege verließen wir jedoch sehr bald und stiegen in einen Kanal Richtung Landesinnere ab. Der felsige Untergrund gab einen Vorgeschmack auf das Kommende. Und das bestand aus langen Passagen über Felsbrocken von Hand- bis Medizinballgröße und rutschigem Geröll, die außer Kraft auch viel Geschick erforderten. Wer da nicht aufpasste, knickte schnell mal zwischen zwei fetten Brocken um oder küsste den Tuff. Wie viele Verletzte abtransportiert werden mussten, weiß ich nicht. Aber es können nicht die Hitze und die Höhenmeter allein gewesen sein, die zu einer Ausfallquote von fast der Hälfte führten.

Un cielo azul purísimo

In den Bergen angekommen, wurde man völlig von der bizarr-schroffen Schönheit der Kraterlandschaft vereinnahmt. Ein Berg schließt an den nächsten an, die wenigen Kiefern darauf sehen aus der Entfernung aus wie Zahnstocher auf einem Käseigel. Der Blick hinab auf die Stauseen erweckt den Anschein, als ob jemand ein riesiges grün-braunes Glasstück aus einem Mosaikfenster ins Tal eingepasst hätte. Dazu passte der strahlend blaue Himmel.

Doch wo keine Wolken, da tagsüber viel Sonne. Und so schnellte die Temperatur von 13 Grad Celsius zum Start um 6 Uhr unversehens auf 25 Grad hoch. Da kaum ein Lüftchen ging, staute sich die Hitze in den Schluchten und drückte mit gefühlten 40 Grad das Wasser schneller aus den Poren, als man trinken konnte. Gut, dass ich ein Trinksystem mit einem drei Litern fassenden Beutel dabei hatte. Als kurz nach dem Kontrollpunkt bei Kilometer 73 für mich die Nacht hereinbrach, hatte ich geschätzte 12 bis 15 Liter Wasser intus — und war bis dahin nur zwei Mal im Gebüsch. Meine Befürchtungen, ich könne nicht ausreichend hydriert sein — zumal ich mit aufkommender Wärme bisweilen unter starken Kopfschmerzen litt —, zerstreuten sich zum Glück mit dem Sonnenuntergang und der damit einhergehenden Abkühlung. Denn obwohl ich nur noch tropfenweise trank, musste ich alle Viertelstunde Wasser lassen. Wo hatte ich bloß diese Unmengen Flüssigkeit gespeichert? In Magen und Bauch wohl nicht, denn von dort ging tendenziell eher ein Gefühl der Leere aus.

Ich hätte ja gerne mehr gegessen, aber zu allem Überfluss ärgerte mich ein Sodbrennen, das ich mir gleich nach dem Aufwachen am Startmorgen eingefangen hatte. Die Kanarier verstehen sich nämlich auf die Produktion exzellenter Süßigkeiten ("dulces"): Küchlein, Kekse, alles, was schnell pappsatt und noch schneller wieder hungrig macht. Und ich verstehe mich darauf, solche Dinge immer wieder zu den unangemessensten Zeitpunkten einzunehmen. Meine Vanillecreme-Blätterteig-Schnitte war wohl obendrein auch noch sehr fettig — oder mein Magen auf so etwas um 3 Uhr in der Nacht einfach noch nicht vorbereitet.

Comidas y bebidas

Deshalb konnte ich mich gar nicht hinreichend an den vielen kleinen Leckereien laben, die beinahe überfreundliche Helfer an den Verpflegungsstellen ("avituallamientos") bereithielten: Schokolade, Müsliriegel, massenweise Apfelsinenstücke, Nüsse, Kekse, später auch Nudeln mit Tomatensoße und Chorizo-Baguettes. In Schieflage geratene Elektrolythaushalte konnte man mit zwei verschiedenen Isodrinks und einem gewöhnungsbedürftigen Fruchtsaft (Minute Maid Antiox) wieder gerade rücken, die es jeweils umgebungstemperiert, kühl oder eiskalt gab. Aus großen Tonnen konnte man sich seine Trinkblase mit reinem Wasser auffüllen lassen. Wer mochte, durfte die in Tütenform zur Verfügung gestellten Mineralpülverchen hineinrühren.

Als ich gegen kurz vor halb vier am nächsten Morgen ins Ziel eierte, hatte ich dafür umso mehr Hunger, vor allem nach dem gut acht Kilometer langen Endspurt von der letzten Verpflegungsstelle im Neubaudorf Los Giles etwa 270 Höhenmeter oberhalb der Strandpromenade, die sich auf einer Strecke von gut drei Kilometern entlang des Playa de las Canteras zum Ziel am Plaza de la Puntilla hinzieht. Dort erwartete mich eine sehr herzliche Begrüßung. Aber was mir in dem Moment wichtiger war: Ich konnte essen ohne Furcht vor Hartleibigkeit, Magendrücken und Übersäuerung. Nudeln mit Meeresfrüchten lachten mich an, fritierte Hähnchenstücke im Teigmantel, Würstchen, Papas arrugadas (Kartoffeln, die mit Schale gekocht und gegessen werden), würzige braune Fleischsoße, Gemüse, Nudelsalat und einiges mehr. Zur besonderen Gemütlichkeit trug bei, dass das Esszelt beheizt war — und frisch gezapftes Pils bereit stand, alles im Startgeld inbegriffen.

Rutschen, klettern, dösen

Dort sitzend, fing ich langsam an zu begreifen, was ich gerade hinter mich gebracht hatte: so viel Höhenmeter am Stück wie noch nie in meinem Leben — auf einem Trail, der nur mit einiger Übung halbwegs sicher zu bewältigen ist. Ich wunderte mich, dass auf den letzten Kilometern mein rechtes Knie nicht mehr schmerzte, das über 20 Stunden lang jeden Abstieg zur einer physischen und psychischen Qual machte. Psychisch deshalb, weil es bergab nur mit zentimeterweisem Tasten voranging. An Steigungen hingegen bereitete mir mein Knie kurioserweise überhaupt keine Probleme, dafür spürte ich umso mehr, wie nach etwa 3000 kumulierten Höhenmetern die Kraft aus meinen Oberschenkeln wich und das Herz meine Halsschlagadern zu Gartenschläuchen aufpumpte. Da muss ich wohl noch ein bisschen an meiner Kraftausdauer arbeiten …

Apropos Klettern: Nach knapp 100 Kilometern — ich hatte gerade einen langen, steilen und rutschigen Abstieg durch die Büsche hinter mir — blitzte aus der Dunkelheit unvermittelt eine Taschenlampe auf. Ein Schreck durchfuhr mich. Zum Glück war es nur eine Soldatin, die mir klar machte, dass mich meine klapprigen Beine die nächsten anderthalb Kilometer über die keine 30 Zentimeter breite Mauer eines fast ausgetrockneten Wasserkanals tragen müssen. Am Ende des Kanals wartete die nächste Überraschung: ein fast 30 Meter hoher Steilhang, an dem nicht ohne Grund Seile gespannt waren. Ohne die wäre ich wohl nicht hochgekommen.

Oben musste ich mich erstmal hinlegen. Es kann ja so bequem sein, sich in den Staub zu setzen, den Rucksack ein wenig hochzuschieben und sich dann an einen dicken Fels zu kuscheln. Mir fielen die Augen zu, Sekunden später war ich eingenickt, wie schon mehrmals zuvor. Doch die Schlafpausen dauerten immer nur wenige Minuten. Meistens war es ein überholender Läufer, dessen Frage nach dem Wohlbefinden mich aus meinem Schlaf riss: "¿Bien?" – "Bien, gracias." – "¡Sigue!"

Weiter also. Keine fünfzehn Minuten später dasselbe. Hinlegen, dösen. Einmal bin ich beim Bergablaufen ausgerutscht, auf den Hintern gefallen und einfach so liegengeblieben — nicht ohne zuvor einen verschämten Blick zurück zu werfen, ob da nicht vielleicht der Schein einer Stirnlampe durch die Nacht wackelt und ein anderer Läufer mich womöglich beim Schwächeln ertappen könnte. Bei jedem Aufstehen wünschte ich mir, ich wäre nicht erst am Donnerstag nach einer nur zweistündigen Nachtruhe angereist, sondern schon einen Tag früher. Wer meine GPS-Daten analysiert, wird feststellen, dass ich ein Dutzend solcher Pausen eingelegt habe. Doch sie waren nötig: Sie wischten Müdigkeit und Kopfschmerzen gleichermaßen hinweg, zumindest für ein paar Minuten.

Gottlob brauchte man den Kopf nicht zur Orientierung, denn exzellente Wegmarkierungen machten das Verlaufen selbst für den Unkonzentrierten nahezu unmöglich: Wer auf den Boden schaute, sah eindeutige Pfeile aus pfundweise Kreide, den Blick horizontal gerichtet, wiesen im seichten Wind flatternde Absperrungsbänderschnipsel die richtige Richtung, in der Dunkelheit zusätzlich grün leuchtende Knicklichter (1500 insgesamt). Und wenn man einen Streckenabschnitt gut überblicken konnte, sah man zuweilen sogar die obligatorischen roten Rückleuchten an den Laufrucksäcken blinken. Nur ein einziges Mal hatte ich mich um ein paar Meter verlaufen, und zwar just in dem Moment, in dem ich einem anderen Läufer blind folgte und dabei daran dachte, dass man einem anderen Läufer nicht blind folgen sollte. Ich brüllte was von "Stopp!", wir verglichen die Darstellungen unserer GPS-Geräte mit dem zuvor eingespielten Track, zuckten die Schultern, drehten um und waren nach einem kleinen Schlenker nach links wieder auf der vorgesehenen Piste.

Uff!

Das war er also, der Trans Gran Canaria — anstrengend, anspruchsvoll, langwierig und kurzweilig zugleich, ausnahmslos freundliche und ums Wohlbefinden der Teilnehmer bemühte zivile und militärische Hilfskräfte, liebenswerte Teilnehmer — und eine perfekte Organisation. Ein Event, das jeden Cent wert war. Ich hoffe, ich schaffe es im kommenden Jahr wieder dorthin. Eintrag im Terminkalender: 28. Februar 2009. Wenn die Gelenke mitspielen, muss doch die 18-Stunden-Marke irgendwie zu knacken sein.

Noch Fragen?

Wer jetzt noch Fragen hat … ich beantworte sie gerne. Schreibt mir einfach eine E-Mail. Wer des Spanischen nicht mächtig ist, dem bin ich gerne bei den Anmeldeformalitäten behilflich. Zum Warmwerden empfehle ich außerdem einen Blick auf den Streckensteckbrief inklusive Höhenprofil und interaktiver Karte.

März 2008 · Oliver Lau

 

Steckbrief: Trans Gran Canaria 115
Distanz 110 km (wegen eines Messfehlers gibt der Veranstalter fälschlicherweise 115 km an)
Höhenmeter ca. 4350 (mehr, als der Veranstalter angibt)
Untergrund in der Reihenfolge absteigender Anteile an der Gesamtstrecke: Geröll, Felsen, befestigte Waldwege, Asphalt, Sand, Balancier- und leichte Kletterpartien
Am Start 222
Im Ziel 115
Startgeld 60 Euro
Leistungen tadellose Streckenmarkierung, nachts mit Knicklichtern · exakte Zeitnahme mit ChampionChip (den bekommt man vom Veranstalter gegen eine Kaution von 30 Euro, die vollständig zurückgezahlt wird; die Verwendung eines eigenen Chips ist nicht möglich) · drei Verpflegungspunkte mit Essen und Trinken · vier Verpflegungspunkte mit Wasser · medizinische Versorgung während des Laufs · Massage nach dem Zieleinlauf · Transport von Kleidung o.ä. zum Kontrollpunkt bei Kilometer 73 · vergünstigte Hotelunterkunft in einem der vier offiziellen Wettkampfhotels in Las Palmas · Bustransfer vom Hotel zum Start am Playa de Inglés · Buffet am Tag vor dem Start · Mittagessen nach Zielschluss · Teilnahme an der Tombola · ärmelloses Leibchen mit Wettkampflogo · Teilnehmer-T-Shirt aus Funktionsfaser · Baumwoll-Polo-Shirt für Finisher · Buff mit Logo der Veranstaltung · rotes Blinklicht zur Befestigung am Rucksack
Reisekosten Flug von Deutschland nach Las Palmas und zurück: 300–400 Euro; Hotel: Die Nacht in einem guten strandnahen 4-Sterne-Hotel kostet etwa 90 Euro inklusive Frühstück; Taxi zwischen Las Palmas und Flughafen: 30 Euro
Websites Trans Gran Canaria · Gran Canaria
Track (unbearbeitet) GPX
‡ zwei kürzere Strecken von 81 (Trans Gran Canaria sur-norte) und 45 Kilometern (Media Trans) werden ebenfalls angeboten.
Pflichtausrüstung: Trans Gran Canaria 115
  • Verpflegung für den gesamten Lauf (ca. 7500 kcal)
  • Vorratsbehälter für mindestens zwei Liter Flüssigkeit
  • Taschen- oder Stirnlampe inklusive Ersatzbatterien
  • rote Rückleuchte (blinkend oder Dauerlicht)
  • Warmhaltefolie aus Alu
  • Mobiltelefon, aufgeladen und funktionsbereit
Ergebnisse‡: Trans Gran Canaria 115
1. Marco Olmo Italien M50 12:25:40
2. Adrian Brennwald Schweiz M 12:55:15
3. Arnau Juliá Spanien M 13:27:59
       
50. Oliver Lau Deutschland M 21:19:15
       
69. Sylvia Rehn (3. Frau) Deutschland F 23:23:10
       
115. 27:23:05
‡ Auszug; die vollständige Liste ist auf der Homepage der Veranstaltung zu finden.

Letzte Änderung: $Date: 2009/06/09 15:17:25 $