Auszüge aus dem Lauftagebuch

Scheitern und Ärgern beim Szupermarathon

Samstag, 18.10.2008 – Reise von Hannover über Wien nach Győr

Morgen fällt der Startschuss zum 19. Szupermarathon von Wien über Bratislava nach Budapest: 320 Kilometer in fünf Etappen. Ich fühle mich bestens vorbereitet und will den Lauf gemeinsam mit Sylvia Rehn bestreiten, mit der ich in den vergangenen Wochen und Monaten viele schöne gemeinsame Trainingsläufe bestritten habe, vor allem im Harz.

Das Flugzeug von Hannover nach Wien landet zwanzig Minuten vor der geplanten Ankunft. Mein Rucksack rollt als eines der ersten Gepäckstücke übers Band. Ich verlasse um 12:17 Uhr das Flughafengebäude und stelle voller Freude fest, dass um 12:20 Uhr der nächste Bus zum Wiener Südbahnhof abfährt, wo Sylvia bereits auf mich wartet.

Dort vertreiben wir uns die Zeit mit Plaudern, bis dann endlich um 15:40 Uhr die Reise nach Győr weitergeht. In Győr findet die Eröffnungsfeier statt. Dort werden wir die erste Nacht verbringen, bevor wir am Sonntagmorgen mit Bussen zum Start in Wien gekarrt werden.

Am Bahnhof von Győr treffen wir Marcel Heinig und Eberhard Wagemann. Mit zwei Taxis lassen wir uns für umgerechnet fünf Euro pro Taxi zur Universitäts-Sporthalle fahren. Nach einer reichlich umständlichen Anmeldeprozedur — nur eine der Verantwortlichen versteht und spricht Deutsch und Englisch — stellen wir uns an der Essensausgabe an. Es gibt Nudeln mit verschiedenen Soßen (würzig und süß) sowie Nudelauflauf, dazu wahlweise Wasser oder Dosenbier.

Nach dem Essen schauen wir uns die Tanzaufführungen an. Ungarische Jungs und Mädels bewegen sich in einer Mischung aus Square Dance, Ringeltanz und Schuhplattln zu einem Rhythmus-Mix von Polka, Irish Folk und Dixieland. Faszinierend.

Um 19:15 Uhr sollen uns die Busse in die Unterkünfte bringen. Auf dem Weg zum Bus knallt und zischt es plötzlich keine zehn Meter neben und über uns. Wir werden vom Eröffnungsfeuerwerk überrascht, bleiben wie angewurzelt stehen und staunen. Erst ein Querschläger in unsere Richtung macht uns Beine und wir rennen flugs in eine sicherere Entfernung zum Blitz- und Donner-Geschehen, das sich vor professionellen Feuerwerken nicht zu verstecken braucht.

Danach gilt es, Taschen und Koffer im richtigen Bus zu verstauen. Denn nur ein Bus fährt die Route ab, an der unsere Unterkunft liegt. Nach mehrmaligem Nachfragen gelingt es uns, "unseren" Bus zu finden.

Die Unterkunft entpuppt sich als ein desolates Studentenwohnheim. Ich teile mir den nur circa 15 Quadratmeter großen Verschlag mit Marcel, Eberhard und dem Ungarn László Pelle. Es ist kaum Platz, seine Siebensachen auszubreiten. Duschen und WCs befinden sich auf dem Gang. Verwirrenderweise hängt der Toilettenpapierhalter außerhalb der Kabine und nicht wie gewohnt innerhalb in Greifweite.

Zum Glück schnarcht niemand. Trotzdem kann ich erst einschlafen, nachdem ich mir Stopfen in die Ohren gepfriemelt habe.

* * *

Sonntag, 19.10.2008 – Der erste Tag

Die Nacht ist kurz. Um vier Uhr höre ich auf der Etage die ersten Türen knallen. Gegen Viertel nach vier stehe ich auf, um zu duschen. Gleich nach dem Anziehen gehts zum Frühstück, das aus weißen Brötchen, Unmengen von Paprikasalami sowie ein paar Scheiben Formvorderschinken besteht. Die fettige Salami lasse ich zum Zwecke der Magen-Darm-Schonung wieder zurückgehen. Vom total überzuckerten Kakao trinke ich nur einen halben Becher. Kaffee: Fehlanzeige.

Zwischenresümee: Bis Győr war noch alles gut, langsam fängt die Veranstaltung an mich zu nerven. Kein gutes Zeichen, zumal sich schon beim Training andeutete, dass mir zwei Ultras an zwei aufeinanderfolgenden Tagen keine rechte Freude bereiten. Und nun sollten es vier Ultras an vier Tagen werden: 92 Kilometer am Sonntag, 84 Kilometer am Montag, 64 Kilometer am Dienstag und 60 Kilometer am Mitwoch. Der Donnerstag soll mit einem Halbmarathon dem lockeren Auslaufen dienen. Au Backe!

Ich hoffe also, dass ich unter Wettkampfbedingungen motivierter als beim Training bin — bin aber nicht so recht überzeugt davon, dass es mit der Selbstmotivation klappt.

* * *

Es ist saukalt in Wien. Das Thermometer zeigt gerade einmal acht Grad Celsius. Ich trage dreiviertellange Tights, ein Funktions-T-Shirt, darüber eine einigermaßen winddichte Jacke, ein Halstuch und Handschuhe — zum Warten zu wenig, für den Lauf hoffentlich genau richtig. In meinem Bauchgürtel stecken Müsli- und Schokoriegel, weil Sylvia sagte, auf der ersten Etappe gebe es bestenfalls Kekse und Bananen zu essen.

Von László erfahre ich, dass während des Laufs ein Versorgungsfahrzeug die Strecke entlang patrouillieren soll. Dem Fahrer könne man einen Beutel in die Hand drücken, er würde ihn mitnehmen und auf Zuruf das herauskramen und aushändigen, was man gerade benötigt. Aber wo mag dieser Mensch nur sein? László weiß, wie er aussieht und sucht ihn. Eine Viertelstunde vor dem Startschuss ist er gefunden und wirkt wenig erheitert, als er erfährt, dass vier Deutsche und ein Ungar bei ihm Sachen abgeben wollen. Es stellt sich heraus, dass das Versorgungsfahrzeug eigentlich das der Wettkampfleitung (Szűrí) ist. Unsere Beutel finden neben etlichen Gatorade-Flaschen und Schokoriegeln Platz im Kofferraum.

Der Startschuss fällt: Kaum fünfhundert Meter später verspüre ich ein ekliges Zwicken im rechten Beinbeuger. Ich hoffe inständig, dass sich der Schmerz mit dem Warmwerden des Körpers legt. Nach zehn Kilometern ist er aber immer noch da.

Die Sonne steigt, die Temperatur auch. Ich bekomme Durst. Aber anders als es das am Vorabend ausgehändigte Roadbook angepriesen hat, sind wir an noch keiner einzigen Verpflegungsstelle vorbeigekommen. Zu meiner Freude sehe ich die erste nach der nächsten Biegung. Doch die Freude währt nur kurz: Es gibt lediglich total übersüßten Tee, der zu allem Überfluss auch noch kochendheiß ist. Ich nippe zwei Mal und entschließe mich dann, den Becher zu entsorgen. Ich habe keine Zeit zu verlieren, denn das Zeitlimit für die heutige Etappe ist mit zehn Stunden knapp bemessen.

Ich werde langsam sauer ob der miserablen Verpflegungssituation: Man erfährt im Voraus, es gebe nur Wasser und Kekse, und denkt, dass es kaum schlimmer kommen könne — und dann kommt es schlimmer.

Ein paar Minuten später überholt uns ein Auto. Aus den aufs Dach montierten vier Lautsprechern dröhnt von ungarisch klingenden Motivationssprüchen ("Hajrá!") durchsetzte Disco-Musik. Ist das vielleicht eine mobile Verpflegungsstation? Hoffnungsvoll winken wir es herbei. Tatsächlich haben sie Iso-Getränk für uns. Fürs Erste fühle ich mich gerettet. Meine Laune bessert sich allerdings nicht.

Weitere zehn Kilometer später — wir hätten an mindestens einer weiteren Verpflegungsstation vorbeikommen sollen, sind es aber nicht — sehen wir die erste Wechselstelle für die Staffelläufer. Doch auch dort werden wir enttäuscht: kein Tropfen Wasser, keine Banane, nichts.

Meine Flasche ist leer, mein Magen auch, in mir wuchert die Panik, wie es so bloß weitergehen soll. Eine Stunde später passiert uns endlich wieder das Verpflegungsauto. Erst bei Kilometer 35 kommt die zweite feste Verpflegungsstation. Bis hierhin hätten es laut Roadbook sieben sein sollen. Unsere Blicke kleben gierig auf dem riesigen Gatorade-Fass fest. Aber Pustekuchen: Es gibt nur Wasser. Nur Wasser — und überhaupt gar nichts zu essen. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Sylvia und László sind kaum weniger angefressen.

Nur langsam bessert sich die Verpflegungssituation auf den kommenden Kilometern. Indes werde ich den Eindruck nicht los, dass sie bei mir zu Mangelerscheinungen geführt hat. László bestärkt mich in meiner Einschätzung: Auch er fühle sich unerwartet schlecht. Meine Beine sind schwer. Unlust überfällt mich.

Ich schleppe mich vorwärts. Jeder Schritt ist mit einer unglaublichen nervlichen Anstrengung verbunden. Ich weiß genau, dass meine Beine noch frisch sind. Doch der Kopf bremst mich aus. Noch vor Kilometer 40 denke ich das erste Mal übers Aufgeben nach. Morgen noch einmal derselbe Mist und dem Hörensagen nach noch schlechteren Bedingungen, was die Verpflegung angeht? Muss ich mir das antun? Wie kann ein Veranstalter nur so fahrlässig sein? Will man die Einzelläufer wegekeln? Die Fragen rotieren tausendfach durch meinen Schädel. Antworten finde ich keine. Ich wünsche mir zur Besserung meines Karma eine Gebetsmühle herbei.

Irgendwo zwischen Kilometer 50 und 60 habe ich das erste Mal seit Stunden wieder kurzzeitig gute Laune. Wir gelangen nämlich an einen Verpflegungsposten mit leicht angesäuselten Helfern, die sich sehr darüber freuen, wie wir ihre Weinschorle goutieren. Es kann nicht genug Alkohol auf der Strecke geben, sage ich mit einem Augenzwinkern — was mit fast überschäumender Zustimmung quittiert wird.

An der nächsten Station dasselbe. Ich schöpfe Hoffnung auf ein gutes Ende. Doch so prompt das Hoch kommt, so schnell verschwindet es. Die folgenden Verpflegungsstationen zeigen dasselbe trostlose Bild, wie wir es von Beginn an kennen. Ich frage mich, wo denn das Szűrí-Auto bleibt. Wir haben es nur ein einziges Mal in der Entfernung gesehen.

Meinen Müsliriegel habe ich zwischenzeitlich László gegeben. Die beiden Schokoriegel habe ich selbst aufgefuttert. Das Loch in meinem Bauch wird immer größer. Ich bin wütend. Ich hasse diese langweilige Strecke über schier endlose Straßen. Ich hasse den Asphalt. Ich sehne mir einen meiner heißgeliebten ruppigen Trails herbei. Ich will endlich wieder etwas Grünes anstelle dieser Monotonie in Grau sehen. Ich bin enttäuscht, deprimiert, frustriert.

Als wir bei etwa Kilometer 70 das Szűrí-Auto sehen, kommt der ganze Frust aus mir heraus. Dem Rennchef und seiner Assistentin donnert eine Schimpfkanonade entgegen, um den Fragen nach dem bisherigen Aufenthalt des Fahrzeugs Nachdruck zu verleihen und meinem Unmut über die katastrophale Organisation ein Ventil zu geben. Mit jedem Satz verhärten sich die Gesichter der beiden.

Die Assistentin versucht zu erklären: Die Verpflegung in Österreich obliege nun einmal den Österreichern, da sei man machtlos. Das bringt mich erst recht auf die Palme. Das ist ja gerade so, als ob der See Schuld hat, wenn die Ente nicht schwimmen kann. Nein, nein, wettere ich, die Organisationsgesamtleitung hat es zu verantworten, wenn etwas schiefläuft — und das seid ihr!

Unglaublich, dass im 19. Jahr der Austragung dieses Wettkampfs immer noch solche organisatorischen Missstände herrschen. Man versucht, mich mit einer Büchse Bier zu besänftigen. Das gelingt nur leidlich, obwohl mir das Bier nach dem vielen Wasser und Iso-Zeugs sehr gut schmeckt.

Die nächsten paar Kilometer läuft es wieder einigermaßen rund bei mir, was wohl vor allem daran liegt, dass nach meiner Hasstirade noch reichlich Adrenalin durch meine Adern pumpt. Doch schnell werden die Beine wieder schwer, mein Kopf spielt Russisch Roulette. Ich glaube den Schuss knallen zu hören, meine Aufgabe steht unmittelbar bevor. Ich kann und will nicht mehr. Fluchend schmettere ich meine Trinkflasche zu Boden. Für einen Moment bin ich wieder bei klarem Verstand, als ich mich darüber wundere, warum sie dabei nicht kaputt gegangen ist. Ich bin den Tränen nahe und setze mich an den Straßenrand. Sylvia und László sprechen mir gut zu. Es funktioniert.

Jeder Schritt schmerzt. Nicht physisch — die Beschwerden in der Leiste sind schon lange passé und auch sonst geht es meinem gesamten Bewegungsapparat noch bestens —, sondern psychisch. Noch zwei Mal bleibe ich mental entkräftet stehen und muss mich von den beiden wieder antreiben lassen. Beim dritten Mal bin ich endgültig am Ende. Bis hierhin und nicht weiter, klage ich. Ich wolle nun im Gehen darauf warten, dass mich der Besenwagen einsammelt. Ja, ich bin mir meiner Entscheidung sicher, ich hatte lange genug Zeit, darüber nachzudenken.

Ich verabschiede mich von Sylvia. Mit einem riesigen Kloß im Hals ringe ich um die passenden Worte. Es gelingt mir nicht. Als sie sich fünfzig Meter von mir entfernt hat, kann ich die Lage endlich fassen: Ich habe ein Versprechen ihr gegenüber einzuhalten, und sei es nur der Rotwein, zu dem wir heute Abend im Hotel verabredet sind. Ich kapiere, wie wichtig es ist, Unbilden zu ertragen, wenn sie einem höheren Ziel dienen. Ich handele. Es geht mir nervlich zwar keinen Deut besser, aber ich laufe an.

Ich laufe wie in Trance. Ich denke nicht mehr. Das ist gut. Wenn der Kopf leer ist, wird die Bewegung mechanisch, automatisch. Kilometer 87: Es wird allmählich dunkel. Noch fünf Kilometer bis zum Ziel. Bratislava liegt zum Greifen nahe vor uns. Das motiviert mich. Ich werde schneller, die Beine leichter. Doch die irre lange Gerade über einen Deich, deren Ende hinter dem Horizont zu liegen scheint, will einfach nicht enden. Dann endlich die letzte Kurve — wir sind in der Zielgeraden. Wir nehmen uns an die Hand und laufen nebeneinander ins Ziel. Endlich: nach neun Stunden und siebenundvierzig Minuten der Qual.

Die Beine brennen, ich zittere. Jemand hängt mir eine große Plastikplane gegen die Kälte um. Wie gehts nun weiter? Wie komme ich schnellstmöglich ins Hotel, unter die Dusche, ins Bett? Wir müssen mehrmals nachfragen. Dann die Auskunft: Ein Bus bringt uns gleich dorthin. Man weist uns den Weg. Trotz Ausschilderung verlaufen wir uns, weil wir nicht glauben können, dass wir durch einen schmalen Durchgang in einer Dutzende Meter langen Plakatwand gehen müssen. Doch es ist so. Als wir im Bus sitzen, ist es kurz nach 19 Uhr. Laut Ausschreibung gibt es bis 21 Uhr Abendessen im Hotel.

Gegen 19:20 Uhr setzt sich der Bus endlich in Bewegung. Nach einer Viertelstunde Fahrt bleibt er stehen. Irgendwie hören wir aus den Worten des Busfahrers heraus, dass wir uns nun vor unserem Hotel befinden. Wir wollen schon aussteigen, da heißt es, wir würden aber zunächst zur Sporthalle gebracht, wo uns die Verpflegungstüten für den morgigen Tag ausgehändigt werden. — Bitte nicht, ich will raus hier. Duschen, essen, schlafen. Jetzt.

Ein paar Minuten später kommen wir an der Sporthalle an und können kaum fassen, dass wir nicht nur einen unnötigen Umweg gemacht haben — im vergangenen Jahr gab es die Verpflegungstüten sinnvollerweise im Zielbereich —, sondern nun auch noch den Bus wechseln sollen. Also aussteigen, Taschen und Koffer aus der Ladeluke zerren, den richtigen Bus ausfindig machen, alles wieder einladen. Es ist 19:55 Uhr. Um 20 Uhr, so sagt der Busfahrer, sei Abfahrt. Also schnell ins Gebäude die Tüte holen. Drinnen erwartet uns die nächste Überraschung. Die Tüten? Nein, die seien noch nicht fertig. Wir mögen uns noch zehn Minuten gedulden. — Bitte was? Dann ist der Bus doch weg! Ich fahre aus der Haut und verkünde meinen Unmut über das Chaos.

Ich gehe nach draußen, um dem Busfahrer zu sagen, er solle auf uns warten. Auf dem Weg dorthin kommt mir eine der Verantwortlichen entgegen, von der ich nach der gestrigen Begegnung wusste, dass sie Deutsch und Englisch spricht. Ich nörgele sie auf Englisch an. Sie versucht zu beschwichtigen: Kein Problem, auch um halb neun führen noch Busse. — Ich beklage lautstark, dass wir dann ja noch einmal die Taschen umräumen müssten. So nicht! Das kann ja wohl nicht wahr sein.

Nach einigem Hin und Her sitzen wir wieder im Bus. Ohne Tüte. Und warten. Und warten. Und warten. Nach zwanzig oder dreißig Minuten betritt die Frau mit einem anderen Helfer den Bus und überreicht uns mit vielen Worten der Entschuldigung unsere Tüten. Von dem pappigen Weißbrot, der Salami und dem klebrigen Toastkäse isst doch eh kaum jemand etwas. Wozu das Ganze?

Ich denke wieder ans Abendessen und daran, dass es immer unwahrscheinlicher wird, dass es im Hotel noch was Warmes für uns gibt. Es ist halb neun. Noch dreißig Minuten soll die Küche geöffnet haben. Die Frau teilt uns mit, dass sie dafür sorgen will, dass unsere Mahlzeiten auf uns warten, egal wie lange es noch dauert — sofern sie denjenigen übers Telefon erwischt, der dafür verantwortlich ist …

Meine Wut wächst. Mir erscheint alles total sinnlos. Ich will nach Hause. Noch bevor sich der Bus in Gang setzt, steht meine Entscheidung unverrückbar fest: Ich werfe das Handtuch. Ich will hier Spaß haben und mich nicht fortwährend ärgern müssen. Ich will sorglos laufen und nicht ständig Angst haben müssen, dass mich auf den nächsten Kilometern der Hungerast erwischt oder die Kehle austrocknet. Ich will Grün, nicht Grau. Ich will Erholung, keinen Stress.

Tatsächlich bekommen wir noch etwas Warmes zu essen im Hotel. Ermattet falle ich ins Bett. Die Nacht ist unruhig.

* * *

Montag, 20.10.2008 – Der zweite Tag

Am nächsten Morgen bin ich immer noch genervt. Vom grandiosen Frühstücksbuffett bekomme ich aus Kummer nur wenig hinunter. Ich bin traurig und ich will immer noch nach Hause. Es nützt nichts, hier werde ich nicht glücklich. Der Abschied fällt mir schwer. Vor dem Verlassen des Hotelzimmers zerknülle ich meine Startnummer und entsorge sie zusammen mit dem eh viel zu großen T-Shirt im Mülleimer. Nach einer dreizehnstündigen Bahnfahrt bin ich endlich wieder daheim.

Ich bin durcheinander. Aber bei einer Sache bin ich mir absolut sicher: Es war richtig aufzuhören.

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Dienstag, 21.10.2008 – Es juckt mich

Auf der gestrigen Bahnfahrt hatte ich viel Zeit über die Gründe meines Scheiterns nachzudenken. Viel herausgekommen ist dabei nicht. Mein Aufgeben bedaure ich immer noch nicht. Stattdessen überlege ich, ob es ein Fehler war, angetreten zu sein, und komme dabei zu dem Schluss, dass nur der Versuch Klarheit darüber verschafft, ob sich ein Etappenlauf für mich eignet oder nicht. Die ernüchternde Erkenntnis: Er eignet sich nicht, und schon gar nicht dieser. Ja, es war richtig, dass ich beim Szupermarathon gestartet bin. Und, ja, es war richtig, vorzeitig damit aufzuhören.

Trotzdem habe ich große Probleme, mit dieser Niederlage fertig zu werden. Dabei gelange ich zu der Einsicht, dass man stets verlieren wird, wenn man gegen sich selbst kämpft. Wie schon Sun Tsu und andere kluge Feldherren wussten, ist es am weisesten, den Kampf vor vornherein zu vermeiden. Doch wie soll ich das bewerkstelligen? Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, bis ich weiß, wie das geht …

Im Moment ist nur eines wichtig: Das Desaster hat mir die Lust am Laufen nicht verdorben. Mir kribbeln schon wieder die Beine.

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Nachtrag

Die anderen Teilnehmer kamen mit dem Durcheinander wohl besser zurecht als ich, wie man an den Ergebnissen sieht — und hatten vermutlich auch mehr Lust auf den Lauf. Glückwunsch allen Finishern! Euch gilt meine größte Bewunderung für diese Leistung.

Sylvia hat den Szupermarathon zu meiner Freude als Gesamtsechste beendet. Respekt! Von ihr weiß ich auch, dass die mobile Verpflegung in den folgenden Tagen besser klappte.

Trotzdem bleibt es dabei: Etappenläufe sind für mich gestorben.

Letzte Änderung: $Date: 2009/06/09 14:46:37 $