Hölle und Hochwuchs

100 Meilen durch die grüne Hügellandschaft rund ums niedersächsische Sibbesse, ein Lauf unter Freunden, mit liebenswerten Helfern und vorzüglicher Verpflegung — das klingt für den eingefleischten Ultraläufer fast wie Urlaub. Doch auf der Strecke lauert der Teufel … in Gestalt steiler Rampen und haariger Singletrails.

Willkommen beim STUNT 100 (Sibbesser Tag- und Nacht-Trail). 3858 kumulierte Höhenmeter auf 100 Meilen — das ergibt eine für norddeutsche Verhältnisse recht beachtliche Steigung von durchschnittlich knapp 4,8 Prozent. Beachtlich waren die Anstiege auch deshalb, weil sie häufig auf nur sehr schwer zu belaufendem Untergrund zu erklimmen waren.

Vier unterschiedliche Runden rund ums Leinetal waren zu absolvieren. Die erste Runde mit rund 50 Kilometern ist die insgesamt anspruchsvollste, was die Dichte und Schwierigkeit in den Höhenunterschieden angeht. Etwa 1700 Höhenmeter sind zu überwinden.

Der "Hammer" schlechthin (O-Ton von Veranstalter Hansi Köhler) kommt kurz vor der Hälfte der zweiten Runde, die mit 50 Kilometer Länge und circa 1000 Höhenmetern etwas leichter als die erste ist: ein gefühlt senkrecht verlaufender, 650 Meter langer Forstweg mit bis zu 30 Zentimeter tiefen, vom heftigen Regen durchweichten Spurrillen, der fast kniehoch von Gras bewachsen war. Darunter lauerten fiese Stolperfallen aus glitschigen Baumstämmen und fauligen Ästen. Links und rechts und mittig verhinderten obendrein Disteln und Brennesseln den direkten Weg nach oben. Seth Ward, erfahrener Ultra-Cross-Läufer aus England, soll beim Hochquälen etwas von "devil made" gemurmelt haben. Ich war an dieser Stelle zum Glück alleine: Nur ein paar Heuschrecken wurden unfreiwillig Zeugen meiner leisen Flüche. Wer diesen Aufstieg in weniger als einer Viertelstunde schafft, ist mit reichlich Kraftausdauer und guter Koordination gesegnet – ich bin es jedenfalls nicht.

Die dritte Runde von fast 44 Kilometern hatte es ebenfalls in sich. Der Läufer wurde zwar von Profil und Bodenbeschaffenheit verwöhnt, musste aber in der Dunkelheit sehr genau aufpassen, um die Streckenmarkierungen nicht zu übersehen. Außerdem wurde es sehr kalt. Ich glaube, nicht nur die gefühlte Temperatur lag im einstelligen Bereich. Leider kamen mit der Kälte die steifen Beine – und ich nicht mehr voran. Die Oberschenkelmuskulatur fühlte sich an wie mit Blei ausgegossen. Bei Kilometerstand 116 dann die Aufgabe. Und die bittere Einsicht, dass ich nicht nur mehr Höhenmeter in meinen Trainingsplan einbauen, sondern mich zu solchen Anlässen auch wärmer anziehen muss.

Danke dir, Hansi, und den superfreundlichen, exorbitant hilfsbereiten Streckenposten, Köchen, Bäckern, Kaffeebereitern und Mutzusprechern, ohne die ich bestimmt nicht halb so weit gekommen wäre.

Bei nächster Gelegenheit werde ich berichten, wie sich der Rest der dritten und die vierte Runde (17 Kilometer, 330 Höhenmeter) anfühlt. (Ungeduldige nehmen bitte mit Hansis detaillierter Streckenbeschreibung, Wesergebirgsläufer Rainer Lohstrohs Laufberichten aus den Jahren 2006 und 2007 oder Norbert Ebberts Selbsterfahrungsbericht vorlieb und ergötzen sich darüber hinaus an der hübschen Fotogalerie.) Bis dahin bleibt die Lehre:

The STUNT 100 will definitely kick your ass!

Aber ich werde zurückschlagen: Im kommenden Jahr bekommt die Strecke von mir "eins hinten drauf".

31. Juli 2007 · Oliver Lau