Von Trapani nach Palermo

100 Kilometer unter der sizilianischen Sonne

Eigentlich hat alles ganz gut geklappt bei meiner 100-Kilometer-Premiere. Aber ich habe deutlich gemerkt, dass ich nach der verletzungsbedingt krassen Verringerung meines Trainingsumfangs total "überregeneriert" war: So schwer ist mir das Laufen schon lange nicht mehr gefallen.

Nach dem Trans Gran Canaria hatte ich im Fitnessstudio auf dem Laufband an meiner Kraftausdauer gearbeitet. Das Laufbandlaufen hat mehrere Vorteile: Ich musste nicht sonst wohin fahren, um Anstiege laufen zu können, und ich konnte jederzeit aufhören, sollte der Schmerz im Knie wiederkehren, der mich beim Trans Gran Canaria so sehr beim Bergablaufen behindert hatte. Intervall- und Zufallsprogramme sorgten für reichlich Abwechslung — und extra Schweiß, denn das Band unter den Füßen läuft gnadenlos gleichförmig weiter, unabhängig davon, wie steil es eingestellt ist. Wenn etwas das Durchhaltevermögen schult, dann das.

Start

Rauf, rauf, rauf, ja, das bekam meinem Knie gut. Der Kraftausdauer wohl auch, denn nach dem Warmlaufen durch Trapani und einigen weiteren Kilometern in der Ebene trugen mich meine Beine die erste heftige Steigung nahezu problemlos von Meereshöhe in den etwa 250 Meter höher gelegenen Ort Valderice. Nach dem Anstieg folgte ein langes Gefälle. Idiotischerweise blieb ich nicht bei dem für mich angenehmen Tempo, sondern ließ mich von zwei über den Asphalt fliegenden Halbmarathonis mitreißen, die noch ein paar Sekunden bis zum Zieleinlauf in Valderice gutmachen wollten.

Für mich ging der Lauf dort erst richtig los. Zwar waren meine Muskeln jetzt wunderbar durchgewärmt, allerdings spürte ich deutlich, dass der Bergabsprint den Fasern arg zugesetzt hatte. Mir schwante Übles. Besser erst gar nicht an Muskelkater und -schmerzen denken, redete ich mir ein und lenkte mich mit dem Betrachten der Landschaft ab. Und die ist wahrlich eine Augenweide: sattgrüne Hügel überall, gelegentlich ragen schroffe Felsen heraus, hie und da wird Marmor abgebaut, immer wieder lassen sich tolle Blicke auf das blau-türkise thyrenische Meer erheischen, einige Kilometer weit führt die Strecke direkt an zu dieser Jahreszeit verlassenen Strandpromenaden entlang.

Vor allem auf den ersten Kilometern lag dort ein feiner Salzwassernebel in der Luft, der mir die Atemwege herrlich freigeputzt hat. Leider verpuffte die Wirkung bald wieder, denn die Landstraße war gerade auf den letzten circa 25 Kilometern teils stark befahren und die Abgase gingen einem Frischluft verwöhnten Dorfbewohner wie mir ganz schön auf die Lunge. Angst vor dem Überfahren werden muss man indes nicht haben, na ja, fast nicht … an einigen kritischen Stellen wurde ich mal von einem Polizeiwagen, mal von einer Vespa begleitet, die schützend hinter mir her fuhren. Die Polizei hat Großartiges damit geleistet, wie sie die Straßen rigoros abgesperrt und die zuweilen aufgebracht hupenden Autofahrer im Zaum gehalten hat.

Profiliert

Auf der Gesamtstrecke sammelt man gut 900 Höhenmeter im Anstieg, den weitaus größten Teil davon in der ersten Hälfte. Das ist nicht viel, aber für einen Straßenlauf dieser Länge doch recht ordentlich, vor allem, wenn die Sonne wie am Wettkampftag mit über 20 Grad Celsius im Schatten aus dem wolkenlosen Himmel auf Asphalt und Schädel brutzelt. (Notiz: Sonnencreme nicht nur einpacken, sondern auch benutzen.) Obwohl die Luft recht trocken war, habe ich in der Mittagssonne geschwitzt wie ein saunierender 200-Kilo-Kaventsmann. Sowas geht natürlich an die Substanz.

Mit zunehmender Müdigkeit bekam ich die Füße nicht mehr hoch und schleifte mit den Hacken über den Boden. Noch ärgerlicher: Je träger meine Beine, desto mehr kleine Steinchen sammelte ich mit den Schuhen ein. Unterdessen wurden freilich auch die Gelenke steifer, ganz zu schweigen von der Neigung zu Krämpfen an den unmöglichsten Stellen, wenn man sich bückt, um die Schuhe aus- und wieder anzuziehen. Ein Teufelskreis! Streng dich an, dachte ich. Raus aus dem Ultraschlappschritt! Lass die Hüfte kreisen!, zumal es immer wahrscheinlicher wurde, dass ich das mir selbst gesteckte Zeitlimit von neun Stunden und dreißig Minuten nicht mehr packe. Gedacht, getan. Zu gerne hätte ich gesehen, wie sich das Bewegungsbild dadurch verändert hat, ob aus dem vermuteten Staksen vielleicht ein flüssiger wirkender Ablauf geworden ist. Aber ich war alleine auf der Piste. Und damit war es ja auch irgendwie egal, ob mein Laufstil hohen ästhetischen Ansprüchen genügte.

"… bei jedem Lauf gibt es einen Moment, bei dem man denkt, dass es nicht mehr weitergeht. Keinen einzigen Schritt. Und trotzdem hört ein Läufer nicht auf, sondern macht seinen Weg. Ein Läufer ist nicht einer, der schnell rennt. Ein Läufer ist einer, der weitermacht, obwohl er nicht mehr kann."
(Ernst Mensen in Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils)

Zum Glück wurden die Leiden durch die exzellente Organisation des Laufs gelindert. Etwa alle sechs Kilometer gab es Verpflegungsstände mit sehr freundlichen Helfern. An einigen bekam man Wasser und Zwieback oder Kekse, an anderen zusätzlich Zuckerstückchen, Iso-Getränk, Marmeladenbrote, Nüsse, Trockenobst, Äpfel, Orangen, Bananen, Käse und Wurst. An der ersten Hauptverpflegungsstelle bei Kilometer 51,4 lockte frisch-prickelnder weißer Tafelwein. Da meine Beine wie die Hölle brannten, gönnte ich mir die volle Dröhnung; die zentral analgetische Wirkung des Alkohols ist schließlich nicht zu unterschätzen. Als mit dem zweiten Becher das Feuer in den Muskeln zu erlöschen begann, bemerkte das ein beim Verpflegungsstand verweilender Polizist: "Vino?" – "Si, vino!" Klar trinke ich Wein. Sein Grinsen wurde breiter. Mit einem "Bravo!" klopfte er mir auf die Schulter. Und weiter gings. Die folgenden etwa zwanzig Kilometer waren meine Schmerzen nur halb so groß und ich konnte wieder ein bisschen Fahrt aufnehmen. Leider gabs erst bei Kilometer 82,3 den nächsten Schluck (roter Tafelwein) — und danach gar nichts mehr der guten Tröpfchen. Na gut, dann musste es eben ohne gehen.

Finito

Ging es auch. Irgendwie kämpfte ich mich durch; die letzten 15 Kilometer oder so vergingen wie im Taumel. Doch obwohl ich Erwin Bittels hübsch bebilderten Bericht von der 2007er Ausgabe des Laufs eingehend studiert hatte, wurde ich von der bei Kilometer 94,5 entlang der Strandpromenade vor der Isola de Femmine zu absolvierenden Schleife herb überrascht. Egal, jetzt waren es nur noch fünfeinhalb Kilometer. Das ist doch ein Klacks, freute ich mich. Aber hoppla, als ich aus der Schleife heraus lief, kamen mir zwei Läufer entgegen, die ich vor vier oder fünf Stunden überholt und seither nicht mehr gesehen hatte. Wenn die so viel Strecke in der Zeit gut gemacht haben, konnten sie mir jetzt noch gefährlich werden? Etwa fünfhundert Meter dürften sie hinter mir liegen, schätzte ich. Wenn ich jetzt nachlasse, wirds knapp.

Zum Glück nahte die Rettung in Gestalt eines freundlichen Helfers, der im Auto hinter mir her fuhr und mich mit flotten italienischen Sprüchen alle paar Meter aufs Neue antrieb. Es dauerte nicht lange, da platzte der Knoten: Ich lief kopflos, völlig mechanisch, schneller, immer schneller. Auf der über hunderte Meter langgestreckten Kurve der breiten Landstraße zwischen Isola de Femmine und dem Zielort Sferracavallo drehte ich mich dennoch sicherheitshalber kurz um: weit und breit kein Läufer zu sehen. Gut. Jetzt war ich mir sicher, von niemandem mehr überholt zu werden und nahm ein bisschen das Tempo raus. Meine Uhr zeigte eh schon eine Zeit von über zehn Stunden an. Nun auch noch das Sekundärziel vergeigt, grummelte ich in mich hinein. Dann kann ich jetzt also so locker wie möglich auslaufen.

Und da nahte es auch schon, das lang herbeigesehnte Ziel. Mir gebührte ein rauschender Empfang, eine rassige Sizilianerin hängte mir die wohlverdiente Medaille um. Jetzt erstmal hinsetzen. Tief durchatmen. Genießen, dass ich es geschafft hatte. Ein Kloß im Hals. Ein vor Schmerz und Freude verzerrter Gesichtsausdruck. Glückseligkeit.

Und dann ran ans Buffet: Meinen Hunger konnte ich mit Pizza, verschieden belegten Broten, Mozzarella oder geräuchertem Ricotta, Kuchen und vielen weiteren Leckereien wegschlemmen. Übrigens war auch die Begrüßungstüte nicht ohne: Dutzende Pröbchen eines Kosmetikherstellers waren darin, ein T-Shirt (in der Einheitsgröße XL, aber mit dem italienischen Zollstock gemessen, was in Deutschland als eine Nummer kleiner durchgeht), eine schicke Schirmmütze von Mizuno, ein paar Tuben mit Energie-Gel sowie eine Flasche mit anständigem sizilianischem Rotwein (Rebsorte Nero d'Avola). Das alles für vergleichsweise günstige 35 Euro. Da kann man echt nicht meckern. Selbst die fehlenden Duschmöglichkeiten im Ziel fallen da nicht mehr ins Gewicht. Aber mir war sowieso alles wurscht. Ich wollte nur noch ins Bett.

5. April 2008 · Oliver Lau

[Nachtrag vom 12. April 2008] Post aus Palermo: Im wattierten Umschlag befindet sich mein Finisher-T-Shirt, und zwar mit aufgedruckter Zielzeit. Starker Service!

Höhenprofil
100 Kilometer, gut 900 Höhenmeter und die heftigsten Steigungen gleich zu Anfang — so macht selbst ein Straßenlauf Spaß.
Steckbrief: Sicilia in … 100 km
Distanz 100 km *
Höhenmeter ca. 900
Untergrund Asphalt
Finisher 47
Startgeld 35 Euro
Leistungen einwandfreie Streckenvermessung, -markierung und -absperrung · Verpflegungspunkte alle sechs Kilometer · medizinische Versorgung während des Laufs · Massage nach dem Zieleinlauf · Transport von Kleidung o.ä. zu den Kontrollpunkten bei Kilometer 51,4 und 82,3 · Bustransfer vom Ziel in Palermo (Sferracavallo) zum Start in Trapani (10 € extra) · Finisher-T-Shirt mit aufgedruckter Zielzeit (Mischgewebe) · Teilnehmer-T-Shirt (Baumwolle) · Medaille
Website Sicilia in … 100 km
* außerdem im Angebot: ein Halbmarathon und ein Lauf über 6,5 Kilometer
Ergebnisse‡: Sicilia in … 100 km
1. Peter Tubaas Norwegen M35 8:19:37
2. Stefano Signorelli Italien M35 8:32:37
3. Monica Casiraghi Italien W35 8:43:55
       
8. Oliver Lau Deutschland M35 10:06:17
       
47. 15:54:15
‡ Auszug; die vollständige Liste ist auf der Homepage der Veranstaltung zu finden.

Letzte Änderung: $Date: 2009/06/09 15:17:25 $